Global Village (die Konferenzen)
Global Village 1993
Global Village 1996
Global Village 1997
Global Village 1999

1999 waren wir beteiligt an der NGO Internet Fiesta und - in neuer Zusammensetzung - an "Global Village 99" Das geplante 4. internationale Global Village Symposium mußte leider abgesagt und auf unbestimmte Zeit vertagt werden.

 
 
Glokale Wirtschaftliche Strukturen / Glocal Economic Structures Vienna City Hall, February 1995
Städtekonkurrenz, Coopetition und Glocalization

Abstract     Lecture     Author

Gunther Maier - WU Wien, Institut für Raumplanung und Regionalentwicklung

 

 

1. Einleitung

In diesem Beitrag wird untersucht, wie sich globale Computernetze wie das Internet auf die räumliche Organisation der Wirtschaft auswirken, welche Veränderungen in der Struktur und im Interaktionsmuster der Unternehmen dies nach sich ziehen wird und wie Städte davon betroffen sein werden. Dabei wird versucht, Kenntnisse im Umgang mit dem Internet und anderen Telekommunikationsformen, Untersuchungen über deren Auswirkungen auf verschiedene Organisationen und theoretisches Wissen aus den Wirtschaftswissenschaften, insbesondere aus den Bereichen der Regionalökonomik und Wirtschaftsgeographie zu verbinden. Dabei zeigt sich, daß die rasante Entwicklung im Bereich der Computernetze stark von Faktoren beeinflußt und vorangetrieben wird, die in der Regionalökonomik wohlbekannt sind und bereits eingehend untersucht wurden. Allerdings bringt das Internet auch neue Aspekte in die Entwicklung ein, die zu radikalen Veränderungen in der räumlichen Organisation der Wirtschaft und zu entsprechend radikalen Auswirkungen auf einzelne Städte und Regionen, die soziale Struktur und das politische Gefüge führen könnten.

Wenn in diesem Beitrag vom "Internet" gesprochen wird, so ist damit nicht ausschließlich das auf TCP/IP basierende globale Computernetz in seiner derzeitigen Form gemeint. Da die Diskussion in diesem Beitrag an den wichtigsten Eigenschaften und Funktionen dieses Netzwerkes anknüpft, sind mit dem Begriff "Internet" auch Weiterentwicklungen des derzeitigen Standards gemeint und etwaige Konkurrenznetzwerke, die die entsprechenden Funktionen in Zukunft erfüllen werden. In eingeschränktem Sinne bezieht sich der Begriff in diesem Beitrag auch auf Computernetze, die nur in Teilbereichen Funktionen erfüllen, wie sie am Internet (i.e.S.) bekannt sind, aber auf anderen Übertragungsstandards basieren (etwa Compuserve, America Online, BITNET etc. für E-Mail; UUCP für NetNews). In diesem Zusammenhang verstehe ich unter "Internet" also jenes Gefüge an verbundenen Computernetzen, das Quarterman (1990) als "Matrix" bezeichnet. Trotz dieser Unschärfe ziehe ich den Ausdruck "Internet" möglichen anderen Begriffen wie "globales Netzwerk", "Telekommunikation", "Datahighway" usw. vor, weil er auch darauf hinweist, daß die hier diskutierten Einrichtungen und Funktionen bereits sehr real existieren.

Neben der Einleitung und einer abschließenden Zusammenfassung gliedert sich dieser Beitrag in drei Abschnitte. Im nächsten Abschnitt werden kurz Entwicklung und Eigenschaften des Internet diskutiert werden. Dabei stehen nicht die technischen Eigenheiten im Zentrum des Interesses, sondern die ökonomischen Besonderheiten des Internet. Daran anschließend werden wir in Abschnitt 3 zeigen, welche wirtschaftlichen Konsequenzen diese Besonderheiten des Internet nach sich ziehen. Dabei wird argumentiert, daß sich das Internet und seine Entwicklung in einen größeren Entwicklungsprozeß einfügt, der zu einer globalen Wirtschaft und zur Informationsgesellschaft führt. Anhand einiger Unternehmensbereiche werden wir zeigen, welche Konsequenzen die Verfügbarkeit des Internet für die Unternehmen haben kann. In Abschnitt 4 schließlich werden wir und den räumlichen Konsequenzen des Entwicklungsprozesses zuwenden. Dabei gehen wir aus der Sichtweise der Stadt an die Analyse heran und untersuchen, welche Implikationen sich für sie aus dem globalen Entwicklungsprozeß ergeben und wie das Internet von den Städten genutzt werden könnte, um den notwendigen Umstrukturierungsprozeß zu meistern.

2. Internet: Entwicklung und Eigenschaften

Die wohl wichtigste Eigenschaft des Internet ist sein rasantes Wachstum. Alle Indikatoren zeigen seit mehr als einem Jahrzehnt ein exponentielles Wachstum an. Die Zahl der Internet-Rechner verdoppelt sich weltweit etwa jedes Jahr und lag Ende Jänner 1995 bei rund 4,8 Millionen (Abbildung 1). Über diesem Wert liegt derzeit die Wachstumsrate in Europa (Quarterman, 1993) und bei kommerziellen Benutzern. Im Oktober 1994 hatte in den USA die Zahl der kommerziellen Rechner bereits die Zahl jener im Ausbildungsbereich überholt. Trotzdem hat sich ihre Zahl bis Jänner 1995 verdoppelt. Das Internet ist dabei, stärker internationalisiert und kommerzialisiert zu werden.

Eine wichtige treibende Kraft hinter dem rasanten Wachstum des Internet sind positive Agglomerationseffekte; Mechanismen, die in der Regionalökonomik auch für die Entstehung und Entwicklung von Städten verantwortlich gemacht werden. Als positive Agglomerationseffekte wird jener Nutzen bezeichnet, der sich aus der Ballung verschiedener Akteure und Aktivitäten ergibt. Die höheren Umsätze und Gewinne von Einzelhandelsbetrieben, die sich zu Shopping Centers oder in Einkaufsstraßen versammeln, die Möglichkeit der Spezialisierung im größeren Markt einer Stadt, oder der größere Pool an qualifizierten Arbeitskräften sind traditionelle Beispiele für positive Agglomerationseffekte.

Die Attraktivität des Internet liegt für neue Teilnehmer heute vor allem darin, daß darüber rund 35-40 Millionen andere Teilnehmer und eine große Zahl an Informationsdiensten erreicht werden können. Neue Teilnehmer machen das Internet aber ihrerseits wiederum für andere Teilnehmer und für die Anbieter von Informationsdiensten attraktiver. Auf diese Art pushen einander Angebot und Nachfrage durch die positiven Agglomerationseffekte und es kommt zu einem zirkulär-kumulativen Wachstumsprozeß, wie wir ihn in den letzten Jahren beobachten konnten.

Unterstützt wird diese Entwicklung dadurch, daß die "Produkte", die über das Internet transportiert werden (Information und Software), in gewissem Umfang die Eigenschaften öffentlicher Güter aufweisen. Ruft ein Benutzer die Information eines Gopher-Servers, eines Bibliothekkatalogs oder ein Softwareprogramm eines FTP-Archivs1 ab, so beschränkt er damit kaum2 die Möglichkeit anderer Benutzer, das selbe Produkt zu beziehen. Anders als bei traditionellen Gütern, muß die Information bzw. das Softwareprogramm nicht neu produziert werden, damit ein anderer Benutzer Nutzen daraus ziehen kann. Durch die elektronische Speicherung sind die Produkte beliebig kopier- und abrufbar3 und durch das Internet auch weltweit zugänglich.

Ein weiterer positiver Agglomerationseffekt, der wesentlich zum Wachstum des Internet beiträgt, liegt in der Kostenstruktur der zugrundeliegenden Infrastruktur begründet. Der Betrieb des Internet bzw. eines seiner Teilnetze verursacht in erster Linie Fixkosten (Personal-, Hardware- und Leitungskosten), also Kosten, die zumindest in einem bestimmten Abschnitt der Kostenfunktion von der Menge der übertragenen Informationseinheiten unabhängig sind. Bei mehr übertragenen Informationseinheiten teilen sich diese Kosten stärker auf und die Übertragung einer Einheit wird damit billiger (MacKie-Mason, Varian, 1993a,b). Daraus ergibt sich ein starker ökonomischer Anreiz, möglichst viel Information zu übertragen. Erst wenn die Kapazitätsgrenze der eingesetzten Hardware oder der Leitungen erreicht wird, springen die Kosten auf ein höheres Niveau, auf dem wiederum die Kostendegression einsetzt. Bei den Leitungskosten, einem wesentlichen Kostenfaktor, fallen allerdings die Preisanstiege bei Kapazitätserhöhungen der Leitungen kontinuierlich hinter die Kapazitätszuwächse zurück, sodaß beispielsweise die Übertragung einer Informationseinheit auf einer voll ausgelasteten T3-Leitung wesentlich billiger kommt, als auf einer voll ausgelasteten T1-Leitung. Der bekannte Preisverfall bei Computern und elektronischen Bauteilen trägt zusätzlich zu dieser Kostenstruktur bei und unterstützt so den Wachstumsprozeß des Internet.

Allerdings weist das Internet auch einige Eigenschaften auf, die völlig neu sind und die es grundsätzlich von anderen Arten der Infrastruktur unterscheiden. Hier ist insbesondere seine weitgehende "Raumlosigkeit" zu nennen. Wird ein Computer mit dem Internet verbunden, so erhält er damit auf fast gleiche Weise Zugang zu allen anderen Rechnern, egal wo sie sich befinden. Da die Benutzungsgebühren derzeit für den Zugang und eventuell die Benutzungsdauer berechnet werden, nicht aber dafür, welche Entfernung in Netz eine Nachricht zurücklegt, entstehen bei der Benutzung des Internet praktisch keine entfernungsabhängigen Kosten4. Mit dem finanziellen Aufwand, der notwendig ist, um die Verbindung zu einem Internetteilnehmer am anderen Ende der Stadt herzustellen, bekommt man Zugang zu allen anderen Internetteilnehmern, auch wenn sie sich am anderen Ende der Welt befinden. Für den Internetbenutzer wird physische Entfernung im Laufe der Zeit zu einer ignorierbaren Größe.

Eine weitere Eigenschaft, die das Internet von allen anderen Kommunikationstechnologien unterscheidet, ist die, daß es als einziges Masseninformations- und -kommunikationssystem den Unterschied zwischen Informationsanbieter und -nachfrager aufhebt. Jeder Subskribient einer Diskussionsliste, jeder Leser von NetNews, kann über diese Medien nicht nur Informationen empfangen, sondern auch bereitstellen. Für Benutzer mit einer permanenten Internetverbindung ist das Betreiben eines Gopher- oder WWW-Servers kaum schwieriger oder teurer, als das Abrufen von Informationen über diese Dienste. Jeder Benutzer, jede Gruppe, jedes Unternehmen mit Zugang zum Internet kann damit nicht nur vom gesamten globalen Netzwerk Informationen beziehen, sondern seine bzw. ihre Informationen, Meinungen und Ansichten auch am gesamten Internet verbreiten. Das Netz stellt damit eine globale Öffentlichkeit dar, deren Informationsfluß nicht kontrolliert werden kann. Neben wirtschaftlichen hat dies vor allem erhebliche politische Konsequenzen.

3. Wirtschaftliche Konsequenzen des Internet Das Wachstum des Internet wäre wohl kaum so rasch verlaufen, wenn nicht "die Zeit dafür reif" wäre. Die Entwicklung der Netzwerktechnologie und des Internet reiht sich ein in einen größeren Entwicklungsprozeß, der erst den Bedarf nach einem globalen elektronischen Kommunikationsmedium geschaffen hat, zugleich aber von den Möglichkeiten, die das Internet bietet, weiter vorangetrieben wird. Einige der wichtigsten Aspekte dieses Entwicklungsprozesses sind:

  • Wachsende Bedeutung der Informationswirtschaft Nach einer massiven Verschiebung des wirtschaftlichen Schwerpunkts von der Landwirtschaft zum sekundären Sektor im Zuge der Industrialisierung, verlagert sich in den letzten Jahrzehnten das Gewicht immer mehr zum tertiären Sektor. Ein erheblicher und ständig wachsender Teil dieses Sektors ist primär mit der Verarbeitung und Aufbereitung von Information in verschiedener Form beschäftigt. Aufgrund unterschiedlicher Standortvoraussetzungen der Sektoren ist dieser Prozeß in den größeren Städten am stärksten fortgeschritten.
  • Die elektronische Revolution Die Verbreitung der Computertechnik und die Integration billiger elektronischer Bauteile in verschiedene Maschinen führen zu einer Automatisierung dispositiver und administrativer Tätigkeiten. Nach der manuellen Arbeit wird nun auch ein großer Teil der geistigen Arbeit von Maschinen übernommen. Zugleich führt diese Entwicklung dazu, daß immer mehr Information zumindest in irgendeinem Stadium ihrer Verarbeitung in digitaler Form vorliegt.
  • Globalisierung der Wirtschaft Beträchtliche Teile der Wirtschaft agieren heute, nach den umfangreichen Firmenübernahmen und -zusammenschlüssen der 80-er Jahre, auf einer weltweiten Basis. Dies führt zu einer Struktur, die Castells (1993) als "global economy" bezeichnet. "It is an economy where capital flows, labour markets, commodity markets, information, raw materials, management, and organization are internationalized and fully interdependent throughout the planet". Die Unternehmen der "global economy" haben in allen Teilen der Welt Aktivitäten zu koordinieren und Entwicklungen zu beobachten.

Durch die Globalisierung der Wirtschaft, die in Europa beispielsweise in der europäischen Integration ein deutlich sichtbares Zeichen findet, erhöht sich in fast allen Teilbereichen der Konkurrenzdruck. Geschützte Märkte brechen auf, hohe Gewinnspannen ziehen Konkurrenten an. Zugleich beschleunigt sich, bedingt auch durch die elektronische Revolution, der technische Wandlungsprozeß. Neue Produkte, die von einem Unternehmen entwickelt wurden, müssen nun möglichst rasch und auf globaler Front auf den Markt gebracht werden, weil sonst die Gefahr besteht, daß ein Konkurrent schneller den Markt erobert hat und sich so die Entwicklungskosten nicht mehr amortisieren können. Fehler in der Marketingstrategie, im Produktdesign, in der Werbestrategie, etc. sind in diesem raschen Ablauf oft nicht mehr korrigierbar und können so den Erfolg eines Produktes oder gar den Unternehmens gefährden.

Durch diese Verkürzung der Lebensdauer der Produkte am Markt erhöhen sich das Risiko (technologisch, investitions- und marktbezogen) erheblich. Da hohe Gewinne durch die verschärfte Konkurrenz am Markt rasch zunichte gemacht werden, stehen die Unternehmen unter verstärktem Druck möglichst effizient zu produzieren. Geringere Stabilität sowohl der technologischen Entwicklung als auch der Entwicklung der Nachfrage erfordern von den Unternehmen größere Flexibilität in ihrer internen Organisation. "Lean production", "lean management", "flexible specialization", "just-in-time" und "outsourcing" sind daher wichtige Organisationsstrategien der globalen Unternehmen (Davidow, Malone, 1992). Aufgrund des Effizienzdrucks versuchen sie auch, einzelne Teile der Produktionskette an den jeweils am besten geeigneten Standorten anzusiedeln. Risken werden durch Kooperationen in besonders riskanten oder kostenintensiven Teilbereichen (z.B. bei Produktentwicklung oder beim Vertrieb) oder durch strengere Qualitätsnormen, die sich auch auf vor- und nachgelagerte Unternehmen ausdehnen, reduziert. In verstärktem Umfang sind die Unternehmen in formelle und informelle Kooperationen, sogenannte Unternehmensnetzwerke, eingebunden, die neben privaten Unternehmen auch staatliche und halbstaatliche Einrichtungen auf unterschiedlichen räumlichen Ebenen umfassen können (siehe etwa Tödtling 1994). Diese Unternehmensnetzwerke repräsentieren vor allem wichtige Informationskanäle und Transmissionsmechanismen für Innovationen. Sie können sehr unterschiedliche räumliche Ausdehnung haben, von lokal und regional, wie etwa im Fall des "3. Italien", bis zu global. Unternehmen, die in mehrere Unternehmensnetzwerke integriert sind, fungieren oft als "Gateways" zwischen den Teilnetzen und übertragen so Informationen und Innovationsimpulse zwischen diesen. In räumlicher Hinsicht stellen sie den Mittler zwischen der globalen und der regionalen Entwicklung her.

Alle diese Entwicklungen führen dazu, daß Informationen (über die technologische Entwicklung, über Veränderungen am Markt) für die Unternehmen heute wichtiger sind und sie diese rascher benötigen als früher. Zugleich stehen die Unternehmen der "global economy" vor der Notwendigkeit, eine große Zahl an räumlich weit verstreuten Standorten - als Teilbereiche des Unternehmens oder als mit dem Unternehmen organisatorisch verflochtene selbständige Unternehmen - zu koordinieren und mit diesen effizient zu kommunizieren. Mit der Entwicklung des Internet bietet sich den Unternehmen der "global economy" ein Instrument, das diese Informations-, Kommunikations- und Koordinationsaufgabe wesentlich erleichtern und verbilligen kann. Das Internet kann in allen Teilbereichen, insbesondere den informationsintensiven der Unternehmenstätigkeit eingesetzt werden. Dieser Einsatz kann massive Auswirkungen auf die Unternehmensstrategie und das Standortverhalten haben. Einige dieser Teilbereiche sollen nachfolgend kurz diskutiert werden.

Unternehmensinterne Koordination und Kommunikation

Große multinationale Konzerne bedienen sich bereits seit längerer Zeit der Telekommunikation als Instrument der internen Koordination und Kommunikation. Viele von ihnen betreiben unternehmensinterne Computernetzwerke von beträchtlicher Ausdehnung, die aber traditionellerweise mit der Außenwelt nicht in Verbindung stehen (Cronin, 1994). Das Internet bietet diesen Unternehmen vor allem zwei Vorteile: erstens kommt die Mitbenutzung des öffentlichen Netzwerks billiger als der Betrieb eines eigenen Netzes und, zweitens, wird durch die Benutzung des Internet die Barriere zwischen unternehmensintern und -extern verringert. Damit wird es beispielsweise für als "profit centers" installierte Teilbereiche des Unternehmens leichter, externe Bezugsquellen zu nutzen. Außerdem wird die Gefahr der Ausbildung einer unzeitgemäßen Unternehmenskultur dadurch verringert.

Zentrales Problem in diesem Bereich sind natürlich Fragen der Zugriffs- und Übertragungssicherheit, auf die hier nicht eingegangen werden soll.

Das Internet stellt im Bereich der unternehmensinternen Koordination und Kommunikation allerdings nicht nur eine billigere und durchlässigere Alternative zum Betrieb eines eigenen Netzwerks für Großunternehmen dar, sondern es ermöglicht erstmals auch kleineren Unternehmen diese Möglichkeiten und erleichtert ihnen damit die räumliche Spezialisierung. Auch kleineren Unternehmen, die bisher nur an einem Standort angesiedelt waren und diesen daher als Kompromiß der Standortanforderungen einzelner Teilbereiche (Produktion, Vertrieb, Verwaltung, etc.) wählen mußten, ermöglicht das Internet mit relativ geringen Kosten eine standörtliche Spezialisierung. Wegen der oben diskutierten Kostenstruktur des Internet sind die Kosten der elektronischen Integration einzelner Unternehmensteile über dieses Netzwerk weitgehend entfernungsunabhängig. Damit werden Unternehmen - große wie kleine - bei der Auslagerung von Unternehmensteilen räumlich wesentlich mobiler. Für ein Unternehmen, das die unternehmensinterne Koordination und Kommunikation über das Internet abwickelt, ist die Frage, ob an einem Standort ein effizienter Zugang zum Internet möglich ist, wesentlich wichtiger, als die, wie weit der Standort von anderen Unternehmensstandorten entfernt ist5. An die Stelle der physischen Agglomeration zwischen den Unternehmensteilen tritt damit die virtuelle Agglomeration im Internet.

Absatz

Für Unternehmen, die elektronisch transprotierbare Produkte vertreiben, stellt das Internet ein effizientes potentielles Vertriebsmedium dar. Anstatt ein teures Netz von Vertriebsstellen oder Vertragspartnern aufzubauen und zu betreuen, speichern diese Unternehmen ihre Produkte auf einem Dateiserver und erlauben ihren Kunden den Zugriff auf diesen Rechner. Neben dem einfachen Vertriebsweg bietet diese Variante noch zwei weitere Vorteile, nämlich daß auf diese Art ein globaler Markt beliefert werden kann und daß das technologische Risiko damit verringert werden kann. Dadurch, daß über das Internet ein globaler Markt beliefert werden kann, sind Spezialisierungen möglich, für die bei traditionellen, teuren Vertriebswegen keine Stückzahlen für eine gewinnbringende Produktion erreicht werden könnten. McAffee Associates, ein Produzent von Virenschutz- Software, wickelt praktisch seinen gesamten Vertrieb über das Internet ab, wobei die Kosten für Produktion, Verpackung und Versand minimal sind. Trotz dieses ungewöhnlichen Vertriebswegs konnte das Unternehmen seine Netto-Einnahmen zwischen 1990 und 1992 von $1,5 auf $13,6 steigern. Die Verringerung des technologischen Risikos ergibt sich daraus, daß das Unternehmen das auf dem Dateiserver bereitgestellte Produkt jederzeit verbessern kann. Es kann so sehr rasch auf technische Veränderungen und Änderungen bei Konkurrenzprodukten reagieren, ohne auf unverkaufte Auflagen Rücksicht nehmen oder Lagerbestände abschreiben zu müssen.

Die Möglichkeit des Vertriebs über das Internet besteht natürlich in erster Linie für Computersoftware, doch sollte sie auch für andere Produkte nicht unterschätzt werden; etwa für Bücher und Zeitschriften, Bilder und - entsprechende Übertragungskapazitäten vorausgesetzt - Videos.

Probleme ergeben sich in diesem Bereich vorallem dabei, die Bezahlung der Leistung sicherzustellen. Hier fehlen heute einerseits noch die entsprechenden Autentizierungsmechanismen (elektronische Unterschrift) und eine effiziente Möglichkeit, kleine Geldbeträge global einzukassieren (Internet-Bank). Das größte Potential für einen Vertrieb über das Internet liegt derzeit daher dort, wo das Endprodukt ohnedies nicht verkauft, sondern nur vertrieben werden soll (z.B. Freeware-Software, Informationsbroschüren). Hier kommen die Vorteile des billigen Vertriebs (etwa über FTP, Gopher oder WWW) voll zum Tragen.

Eine andere Möglichkeit, das Internet für den Vertrieb zu nutzen, besteht darin, Bestellungen über das Internet zuzulassen. Das Internet ersetzt dabei die telefonische Bestellung, die Auslieferung des Produkts erfolgt jedoch über die traditionellen Kanäle (z.B. Postversand). Die Vorteile liegen hier einerseits in der Möglichkeit, die eingehende Bestellung elektronisch weiter zu verarbeiten, und andererseits wiederum im größeren Markt, der eine größere Spezialisierung bzw. Sortimentstiefe erlaubt. Beim Einsatz von WWW kann diese Bestellfunktion übrigens direkt mit einem elektronischen Produktkatalog verbunden werden. Beispiele für Unternehmen, die diese Strategie eingeschlagen haben, sind etwa CD-NOW, ein Unternehmen das Compact Discs vertreibt (http://cdnow.com), und 2(x)ist, ein Anbieter von Unterwäsche (http://www.digex.net/2xist.html).

Marketing und Kundenbetreuung

Eng mit der zuvor diskutierten Unternehmensfunktion sind die Möglichkeiten verbunden, die das Internet für Marketing und Kundenbetreuung bietet. Vorallem in den Anfangszeiten der kommerziellen Nutzung des Internet kann alleine die Präsenz eines Unternehmens in diesem Medium schon imagefördernd sein; umso mehr, wenn es das Unternehmen versteht, die Möglichkeiten des Internet dem Medium adäquat und zum Vorteil seiner Kunden einzusetzen.

Die einfachste Möglichkeit ist hier die Erstellung einer elektronischen Informationsbroschüre etwa am WWW. Dabei wird allerdings häufig vergessen, dem Benutzer (Kunden) die Möglichkeit für Anfragen und Feedback einzuräumen. Die Möglichkeit bi-direktionaler Kommunikation am Internet ermöglicht eine bessere Betreuung des Kunden und damit positive Imageeffekte und eine engere Bindung des Kunden an das Unternehmen.

Eine besondere Form der Öffentlichkeitsarbeit und Kundenbetreuung ermöglichen produkt- oder unternehmensbezogene Diskussionslisten und Newsgroups. Sie bieten eine permanente öffentliche Diskussion und Bewertung der Vor- und Nachteile der Produkte des Unternehmens und können dazu dienen, neue Produkte zu lancieren, Probleme frühzeitig zu erkennen, den Benutzer bei Problemen zu unterstützen, etc. Diese Möglichkeiten werden v.a. von Softwarefirmen wie Microsoft, Novell und SAS Institute intensiv genutzt. Selbst wenn sich die Mitarbeiter des Unternehmens nur selten in die Diskussion einschalten, erhalten sie durch das Verfolgen des Meinungsaustauschs wertvolle Informationen für die Verbesserung des Produkts oder der Marketingaktivitäten.

Von klassischen Marketinginstrumenten unterscheiden sich diese elektronischen Instrumente allerdings dadurch, daß sie für das Unternehmen nicht kontrollierbar sind. Nicht nur positive, auch negative Informationen über das Unternehmen breiten sich über das Netzwerk sehr rasch und über die ganze Welt aus. Das Internet fungiert hier als Verstärker und Beschleuniger des Informationsflusses. Die Unternehmen der "global economy" werden bei ihren anderen Unternehmensentscheidungen darauf Bedacht nehmen müssen und zwar unabhängig davon, ob sie selbst am Internet aktiv sind oder nicht. Die Diskussion um den Pentium-Chip von Intel und die Schwierigkeiten, in die sie das Unternehmen gebracht haben, illustrieren sehr anschaulich die Macht, die vom Internet in diesem Bereich ausgehen kann.

4. Räumliche Auswirkungen der Entwicklung

Die Diskussion der Auswirkungen des Internet auf verschiedene Unternehmensbereiche ließen sich noch länger fortsetzen. Die Auswirkungen auf die Arbeitsorganisation etwa durch "telecommuting" wurden ja bereits beim Symposium vor dieser Veranstaltung ausführlich diskutiert.

Ich hoffe, daß die bisherige Diskussion ausgereicht hat, um klar zu machen, wie sich das Internet in die längerfristigen globalen Entwicklungstendenzen (Globalisierung, elektronische Revolution, steigende Bedeutung von Information und Wissen, verschärfte Konkurrenz, erhöhtes Risiko, verkürzte Produktlebenszyklen) einfügt und ihnen aufgrund der ihm innewohnenden Eigenschaften zusätzliche Dynamik verleiht. In diesem Abschnitt soll nun untersucht werden, wie sich die oben aufgezeigten Entwicklungstendenzen auf einzelne Regionen, insbesondere auf Städte, auswirken könnten.

Abbildung 2

Zentrales Element aller oben diskutierten Auswirkungen des Internet ist die, daß es die Bedeutung der räumlichen Nähe drastisch verringert. Durch die Benutzung des Internet können die Unternehmen tendenziell Nähe (Erreichbarkeit) im physischen Raum durch Erreichbarkeit im virtuellen Raum ersetzen. Abbildung 2 illustriert diesen Punkt. Im linken Teil der Abbildung ist dabei die traditionelle Situation (Erreichbarkeit im Physischen Raum) dargestellt, im rechten die Auswirkung des Internet. Muß ein Unternehmen am Standort Z mit einem anderen Unternehmen in Beziehung treten, so fallen Kosten der Raumüberwindung an. Diese hängen normalerweise mit der Entfernung zwischen den beiden Unternehmen ab. Ist das andere Unternehmen am Standort a angesiedelt, so sind die Kosten wesentlich geringer als wenn es am Standort b siedelt. Da das Internet nur Zugangskosten kennt, verläuft die Kostenlinie im rechten Teil der Abbildung dort horizontal, wo Internet-Zugang zur Verfügung steht. Für das Unternehmen am Standort Z sind damit die Raumüberwindungskosten zum Unternehmen in a genauso hoch, wie zu dem Unternehmen in b. Bei entsprechend effizienten Netzwerkverbindungen könnten die beiden Standorte beliebig weit voneinander entfernt sein. In den Bereichen, die nicht mit dem Internet verbunden sind (z.B. c), treten die traditionellen Raumüberwindungskosten auf. Damit ergeben sich neben den üblichen Agglomerationseffekten im physischen Raum aufgrund der räumlichen Nähe von Unternehmen (physische Agglomeration) nun auch Agglomerationseffekte im virtuellen Raum des Internet (virtuelle Agglomeration). Mit dem weiteren rasanten Wachstum des Internet wird es zu einer Bedeutungsverschiebung von der traditionellen physischen Agglomeration zur virtuellen Agglomeration kommen.

Diese Verschiebung von der physischen zur virtuellen Agglomeration hat natürlich Konsequenzen vor allem für Städte, die sich ja im wirtschaftlichen Bereich auf Agglomerationsvorteilen im physischen Raum begründen. Allerdings sind die möglichen Konsequenzen komplexerer Natur, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. Denn die Entwicklung des Internet kann für Städte zu einigen gegenläufigen Auswirkungen führen:

  • Wie oben dargestellt, ist für die virtuelle Agglomeration der Zugang zum Internet wichtig. Die Möglichkeit des Zugangs zum Internet ist allerdings nicht überall gleich, sondern in erster Linie auf größere Städte konzentriert. Nur dort ergibt sich jenes Mindestmaß an Nachfrage, die den Betrieb eines Zugangsknotens wirtschaftlich ermöglicht. Im Sinne der "Theorie der zentralen Orte" stellt "Internet-Zugang" derzeit also ein Produkt hoher Zentralität dar, das nur in größeren Städten angeboten wird. "Internet-Zugang" stellt damit einen Standortvorteil der Städte gegenüber ländlichen Regionen dar, wo Unternehmen - zumindest in absehbarer Zeit - noch keinen Zugang zur virtuellen Agglomeration finden können.
  • Allerdings wurde oben auch gezeigt, daß es aufgrund der Übertragungsgeschwindigkeit und der Art der Kostenzurechnung des Internet für die Unternehmen weitgehend egal ist, wo sie Zugang zur virtuellen Agglomeration finden. Da heute in praktisch allen größeren Städte ein Zugang zum Internet möglich ist, konkurrieren sie alle um jene Unternehmen, die die virtuelle Agglomeration suchen. Das Internet verschärft damit wesentlich die Konkurrenzsituation zwischen den Städten gerade um die oft als "interessant" angesehenen Unternehmen (innovativ, wissensverarbeitend, elektronikorientiert). Nachdem die Unternehmen allerdings in allen größeren Städten Zugang zum Internet finden, verschiebt sich die Konkurrenz auf andere lokale Faktoren: der Preis des Internet-Zugangs, administrative Hürden, Bürokosten, Personalkosten, Imagefaktoren. Dadurch, daß die Unternehmen der "global economy" durch das Internet räumlich mobiler werden, wird sich die Konkurrenz zwischen den Städten bei den lokalen Faktoren verschärfen. Die Globalisierung der Wirtschaft wird damit zu einer verstärkten Bedeutung gerade der lokalen Besonderheiten führen.

Abbildung 3

Diese Auswirkungen sind in Abbildung 3 schematisch dargestellt. Die Abbildung zeigt eine Städtehierarchie in schematischer Form. Knoten weiter oben in der Abbildung repräsentieren Städte mit größerer Bedeutung. Im Baum unter ihnen liegende Städte (Knoten) stehen in ihrem Einflußbereich. Die strichlierte Linie soll die Grenze darstellen, bis zu der ein Internetzugang zur Verfügung steht. Für Städte, die in der Städtehierarchie unter dieser Linie liegen, ist ein Internetzugang ökonomisch nicht sinnvoll. Im Laufe der Zeit wird sich diese Grenze nach unten verschieben.

Wie bereits erwähnt, stellt der Internetzugang einen der Standortvorteile der über der Grenze liegenden Städte gegenüber jenen unter der Grenze dar. Es wird daher, wie die Pfeile am rechten Rand der Abbildung andeuten sollen, zu einer Vergrößerung der Kluft zwischen den beiden Gruppen von Städten kommen. Allerdings führt die Fähigkeit des Internet, große Distanzen zu überbrücken auch dazu, daß die Städte über der Grenze ökonomisch näher zusammenrücken. Damit verstärkt sich deren Konkurrenz, sowohl zwischen den Städten auf gleicher, wie auch jenen auf unterschiedlicher Hierarchieebene. Die hierarchische Struktur des traditionellen Städtesystems wird ergänzt durch ein weitgehend hierarchieloses Gewebe aus Netzwerkbeziehungen, das durch die Pfeile in der Abbildung angedeutet werden soll.

Diese Veränderungen bringen für die Städte vorallem zwei Konsequenzen mit sich: größere Unsicherheit über ihre zukünftige Entwicklung (sowohl Chancen als auch Gefahren) durch die höhere räumliche Mobilität der ökonomischen Aktivitäten und eine weltweite Interdependenz der Entwicklungen. Selbst die Primatstädte, also die Städte an der Spitze der Städtehierarchie eines Landes oder einer Region, sehen sich mehr und mehr den Einflüssen aus anderen Regionen der Welt ausgesetzt. Wie im Zeitalter der Industrialisierung, wo die Grundlagen für die Macht- und Aufgabenverteilung zwischen den Städten des 19. und 20. Jahrhunderts gelegt wurden, werden im derzeitigen Übergang zur Informationsgesellschaft die Grundlagen für die Funktions- und Aufgabenverteilung des 21. Jahrhunderts geschaffen. Wichtige Faktoren in dieser Neuverteilung werden einerseits die lokale Lebens- und Standortqualität, andererseits die Qualität der Einbindung in die globalen Netzwerke sein.

In der derzeitigen Umbruchsituation ist es für die Städte notwendig, ihre Position in diesem geänderten Gefüge neu zu bestimmen. Neben Aufbau und Pflege eines Images im Rahmen von Citymarketing-Aktivitäten ist es notwendig, komparative Vorteile der eigenen Stadt gegenüber anderen zu identifizieren und zu verstärken, für Effizienz und Flexibilität in der Verwaltung zu sorgen und sich über lokale Besonderheiten von anderen Städten abzuheben.

Allerdings ist dabei zu beachten, daß wegen des globalen Umfangs des Entwicklungsprozesses einzelne Städte heute nicht mehr in der Lage sind, diesen entscheidend zu gestalten. Auch Städte, die früher die Entwickling in ihrer Region bestimmen konnten, sind heute diesen Prozessen weitgehend ausgeliefert. Um wenigstens rechtzeitig auf Entwicklungen vorbereitet zu sein, können sie allerdings ähnliche Strategien einschlagen wie die Unternehmen. Durch die Bildung von Netzwerken, Kooperationen und strategischen Allianzen können sie den Informationsfluß beschleunigen und Raum für Spezialisierung schaffen. Da sich auch das Städtesystem mehr und mehr globalisiert, müssen die Städte einer Region trachten, untereinander zusammenzuarbeiten, um so gemeinsam Vorteile in der Konkurrenz mit anderen Regionen zu erlangen.

Die neue Technologie des Internet kann dabei auch von den Städten nutzbringen eingesetzt werden. Das Internet kann nicht nur die Kommunikation innerhalb eines Städtenetzwerks beschleunigen, sondern läßt sich beispielsweise auch als Instrument des Citymarketings einsetzen. Zwar gibt es bereits eine Reihe von Stadtpräsentationen am World-Wide- Web, die meisten von ihnen gehen allerdings auf die Privatinitiative von Einzelpersonen zurück und sind daher entsprechend lückenhaft und wenig professionell. Nur wenige von ihnen gehen über die elektronische Form einer Tourismusbroschüre hinaus und nutzen etwa die Interaktionsmöglichkeiten des Internet für gezielte Anfragen, Bestellungen oder Reservierungen. Bei entsprechender Durchdringung kann das Internet sicherlich auch für die Vereinfachung und Beschleunigung verwaltungsinterner Abläufe eingesetzt werden und in weiterer Folge vielleicht einmal auch für den engeren Kontakt mit den Bürgern.

Anders als die Unternehmen der "global economy", die räumlich mobil sind und auf Veränderungen in der globalen Entwicklung mit Standortverlagerung reagieren können, sind Städte definitionsgemäß räumlich immobil. Eine ihrer wichtigsten Aufgaben wird daher darin bestehen, die Abstimmung zwischen der globalen Entwicklung und den lokalen Gegebenheiten, der lokalen Wirtschaftsstruktur, Kultur, politischen und sozialen Struktur, herzustellen. In den Städten werden sich die Konflikte zwischen den beiden Ebenen artikulieren und es wird zu den wichtigsten Aufgaben der Städte gehören, diese Konflikte vorherzusehen, darauf vorbereitet zu sein und sie, wenn sie aufbrechen, effizient zu managen. Die Art, wie es eine Stadt schafft, mit diesen Konflikten umzugehen, wird einen wichtigen Faktor in den Standortentscheidungen der global mobilen Wirtschaft darstellen.

Eine erhebliche Gefahr für die Städte liegt in der möglichen Segmentierung zwischen einem in die internationale Entwicklung eng eingebundenen und einem davon abgekoppelten, lokal verankerten Teil (Castells, 1993). Der Verlust an Macht, Einfluß und Gestaltungsmöglichkeit, den das lokal verankerte traditionelle Segment gegenüber der globalen Entwicklung und ihren Repräsentanten in der Stadt erleidet, kann zu schweren politischen und sozialen Konflikten führen, die durch die ökonomische Marginalisierung des traditionellen Segments angeheizt werden. Daraus entstehende konservative Tendenzen, die danach trachten, einst funktionierende Strukturen zu erhalten oder zu reinstallieren und sich von der globalen Entwicklung abzukoppeln, können die Segmentierung und damit den Konflikt nur verschärfen.

Castells sieht zumindest drei grundlegende Voraussetzungen dafür, daß die lokale Politik diesen Übergang erfolgreich meistern kann: Erstens Bürgerbeteiligung, die Stadtverwaltung und Bürger zu einander respektierenden Partnern macht. Dies ermöglicht einerseits den Bürgern, ihre Ziele und Vorstellungen einzubringen und die Stadtverwaltung mit Informationen zu versorgen, andererseits kann die Stadtverwaltung dadurch auch die Rahmenbedingungen und Restriktionen ihrer Politik transparenter und ihre Entscheidungen verständlicher machen. Zweitens Kooperation, Informations- und Erfahrungsaustausch mit anderen Städten um so den globalen Entwicklungstendenzen gegenüber stärker auftreten zu können. Das Internet bietet die technologische Basis für eine derartige Kooperation nicht nur auf den verschiedenen Ebenen der Verwaltung, sondern auch zwischen Bürgern und ihren Interessensgruppen. Die Schwierigkeiten liegen hier heute in der adäquaten organisatorischen Umsetzung und Einbindung in bestehende organisatorische Strukturen. Drittens die Vision einer neuen Stadt in einer neuen Gesellschaft. Wegen der radikal veränderten Rahmenbedingungen kann diese Zielvorstellung sich nicht mehr nur auf eine Stadt konzentrieren, sondern muß das gesamte europäische Städtesystem umfassen. Trotz des offensichtlichen höheren Koordinationsaufwandes ist diese Abstimmung notwendig, weil nur dann eine Chance besteht, in den globalen Entwicklungsprozeß gestaltend einzugreifen. Das Internet sollte sich auch dafür als nützlich erweisen.

5. Zusammenfassung

In diesem Beitrag wurde untersucht, wie sich ein globales Computernetzwerk wie das Internet auf die räumliche Organisation der Wirtschaft und damit auch auf Städte auswirkt. Ausgangspunkt der Diskussion war eine kurze Darstellung der ökonomischen Eigenschaften des Internet und von deren Beziehung zu traditionellen Faktoren, die die räumliche Organisation der Wirtschaft beeinflussen. Dabei wurde gezeigt, daß das Internet den traditionellen Agglomerationsfaktoren weitere, im virtuellen Raum wirkende Ballungswirkungen hinzufügt. Das Internet ermöglicht damit neben der physischen Agglomeration von wirtschaftlichen Aktivitäten auch eine virtuelle Agglomeration.

Die Entwicklung des Internet ist eng verbunden mit einem umfassenderen Entwicklungsprozeß in Richtung auf eine globale Wirtschaft und eine Informationsgesellschaft. Diese Entwicklung wird dramatische Auswirkungen auf die räumliche Organisation der Wirtschaft haben insofern, als Unternehmensstandorte wesentlich mobiler sein und stärker auf lokale und regionale Besonderheiten reagieren werden. Dieser Faktor macht Städte zu den primär Betroffenen der globalen Entwicklung. Zugleich verändern sich durch die globale Entwicklung aber die Rahmenbedingungen, unter denen Städte Politik betreiben können, sodaß sie in Zukunft vor schwierigen und schwerwiegenden Entscheidungen stehen werden, bei denen mehr Einflußfaktoren als früher außerhalb ihrer Entscheidungsgewalt liegen. Diese Situation erfordert neue Strategien, deren Schwerpunkte im frühzeitigen Erkennen von Entwicklungen und in der engeren Kooperation mit anderen Städten liegen muß. Ein globales Netzwerk wie das Internet kann den Städten dabei helfen, mit den Auswirkungen des globalen Entwicklungsprozesses - von dem das Internet ein wichtiger Faktor ist - besser zurande zu kommen.

Literatur

 

Castells, M., 1989. The Informational City. Oxford: Basil Blackwell.

Castells, M., 1993.European Cities, the Informational Society, and the Global Economy, Tijdschrift voor Econ. en Soc. Geographie, 84, Nr. 4, S. 247-257.

Cronin, M.J., 1994. Doing Business on the Internet: How the Electronic Highway is Transforming American Companies, New York: Van Nostrand Reinhold.

Davidow, W.H., M.S. Malone, 1992. The Virtual Corporation, New York: HarperCollins.

MacKie-Mason, J., H. Varian, 1993a. Some Economics of the Internet. Working Paper, Department of Economics, University of Michigan, Ann Arbor.

MacKie-Mason, J., H. Varian, 1993b. Pricing the Internet. Working Paper, Department of Economics, University of Michigan, Ann Arbor.

Maier, G., A. Wildberger, 1994. In 8 Sekunden um die Welt: Kommunikation über das Internet, 3. Auflage, Bonn: Addison-Wesley.

Quarterman, J.S., 1990. The Matrix: Computer Networks and Conferencing Systems Worldwide. Bedford, MA: Digital Press.

Quarterman, J.S., 1993. The Global Matrix of Minds. In: L.M. Harasim (Hrsg.) Global Networks, Computers and International Communication, Cambridge, MA: The MIT Press.

Tödtling, F., 1994. Netzwerke als neues Paradigma der Regionalentwicklung?, Papier zur Herbsttagung des Österreichischen Instituts für Raumplanung, 12. Dezember 1994.

Fußnoten

 

1. Für eine Beschreibung dieser Internet-Dienste siehe etwa Maier, Wildberger, 1994.

2. Nur in dem Umfang, als Rechen- und Netzwerkkapazität beansprucht werden, wodurch der Zugriff für andere Benutzer etwas länger dauert.

3. Für die Softwareindustrie stellt das auch ohne Internet ein erhebliches Problem dar.

4. Die einzige entfernungsabhängige Kostenkomponente wären bei interaktiven Diensten die Zeitkosten bei Übertragung über größere Entfernungen. Allerdings hängen die Response-Zeiten üblicherweise stärker von anderen Parametern als der physischen Distanz zwischen den beiden Computern ab.
Auf der Grundlage der derzeit verwendeten Technologie ist eine entfernungsabhängige Kostenstruktur nicht realisierbar.

5. Für andere Beziehungen zwischen den Unternehmensteilen kann natürlich die physische Distanz weiterhin eine wichtige Kostengröße darstellen.

 
 
Contents
Participants' List
Conference
Home